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Die Musikstunde

 
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Gabriel Fauré (1845-1924) Musiker der Ariège

 

         In der Stunde der Erinnerungen gesteht Gabriel Fauré dem Echo de Paris (April 1924), daß er in "einem land von herrlicher, strahlender Schönheit" aufgewachsen sei und fügt hinzu: "so oft habe ich beim Kompinieren daran gedacht... daß bestimmt viele meiner Werke noch die Spuren der Wanderungen, die ich als kleiner Junge in diesem schönen Land meiner Väter machte tragen…"

         Der kleine Gabriel (sollte man, "Ariel" sagen?) ist am 12. Mai 1845 in der Rue Major in Pamiers geboren. Er stammt aus einer in der Ariège beheimateten Seitenlinie der "Calibans am Amboß" ("faure" bedeutet "Schmied" im Okzitanischen), die Metzger wurden, bevor sie sich dem Schreiben zuwandten. Die Familie mütterlicherseits, die Lalène-Laprade, die von einem Offizier des Premier Empire abstammt, lebt in Gailhac-Toulza, einer Ortschaft am Rande der Ariège, ein paar Meilen von dem Dorf Canté entfernt, das der Inquisition einen Papst schenkte: "Die Ariège produziert Menschen und Eisen" sagte Napoleon lapidar.

         Den Hammer von Alberich vernimmt Gabriel Fauré in den Geräuschen des Eisenhüttenwerks von Moulinéry, als seine Eltern sich in der Ecole Normale von Montgauzy niederlassen, einer Schule, die, mit den Worten eines ihrer Direktoren, "von weitem wie ein Geisterschiff aussieht"; in dem Komponisten lebt das, was er als Vierjähriger gehört hat: Die Symphonie der Glocke von Ganac und Cadirac beim Angelus-Laüten, das den Anfang des Andante des zweiten Quartetts prägt. Das Waldesrauschen - Siegfried-Gabriel hört es an den Hängen des Prat d'Albis oder unter den großen Zedern des Schulhofs, über denen sich, gleich rasenden Rolanden, im September die Ringeltauben drehen: sie erkennen schlecht die von Karl dem Großen errichtete Wunder-Kapelle, die "dieses Harmonium in dieser kleinen Kapelle... jedesmal, wenn ich wegkonnte, lief ich dort-hin und weidete mich" beherbergte, später ersetzt von dem Instrument, das bei der Schaffung Der Hochzeit von Kanaa (Le Maridadje de Cana) behilflich war.

         Der Pilgerchor-Tannhäuser-Gabriel begleitet ihn an der Orgel irgendeines orthodoxen Zentrums wie Rennes oder Paris, da das langmütige Rom nicht zur Verfügung steht. Aber der Pfarrer Almire le Rebours von der Madeleine erinnert ihn nur sehr wenig all die rührende Gutmütigkeit des Pfarrers von Rieucros, der den kleinen Lohengrin-Gabriel, ganz in Weiß gekleidet, bei seiner Ziehmutter in Verniolle abgeholt hat. Er nahm in mit im Trab der "cabalho" (Stute), die den Vagen nach Mirepoix zog, wo der des Privatlehrer Pagnol sich eine Seele aus Topaze schmiedete, und bis an die Grenze der Aude in der Nähe von Saint-Gaudéric, wo man so gut La Troumpuso (die Täuscherin) tanzt, daß selbst Raymond Escholier und Roger Ducasse sich getäuscht haben. Nicht getäuscht hat sich der Generalsekretär des Bürgermeisteramts von Pamiers, als er sie zum Kennzeichen einer Radiosendung machte,(L’Inquisition,1983) die für diese Stadt von historischer Bedeutung sein wird.

         Gabriel Fauré bewahrt von Pamiers und seinem Castela, wo ein Basrelief von Méric, das den Kopf des Komponisten in einem Medaillon darstellt, den Besucher begrüßt, den sehnsüchtigen Zauber der kleinen Straßen und der Jardin clos (der geschloßenen Gärten), die von den kleinen Wellen eines lebhaften Kanals gesäumt werden; er bezieht daraus die Nocturnes und dieSecrets (Geheimniße); das diffuse Licht von Notre-Dame du Camp; die okzitanischen Predigten von Pater Amilha, der Notre-Dame de Montgauzy einen Choral widmete (die Gesprächspartnerin von Bernadette hat immer den Dialekt verstanden!), die Färbung des milden Automne (Herbst) in den rot-braunen Weinbergen, wo noch ein Geruch von Traubensaft weht das intensive Blau der brennenden Nächte, in denen die Liebe "leichtgenommen" wird. Er bewahrt die Erinnerung an die Strabe nach Escosse, die sich, gegen Wind und Felsgestein, in der Nähe von Esplas par Brie oder Villeneuve-Durfort mitten durch die "rastoulhs" (Stoppelfelder) windet, die mehr Gänse gemästet haben als es je das Kapitol getan hat; Stoppelfelder, die manchmal von einemCimetière (Friedhof) gekrönt sind, um den die Mähmaschine klappert, während im Schatten der vom Azur verbrannten Zypressen die "Marie-Jane" wartet, gefüllt mit Noahs Wein, der sowohl den Durst der Pächter als auch den des letzten Landpfarrers, dieses unvergleichlichen Instrumentalisten, stillt, der seine Schafe an dem Elixier von Faust tränkt (oder war es das der Fischer von Pinsaguel?), vor den zornigen Augen einer Dienerin, die zu lieben verstand.

         Von Foix, aus verläßt man an einem Sommersonntag Villote oder Flassa in Richtung der Berge, deren Kämme in der Gegend von Suc und seinen Bistrounquets die Konturen de seinen Romanze op. 28 für Violine und Klavier haben; oder man marschiert mit Ruchsack nach Tour Laffont von wo aus das Auge über das Tal von Massat und seine Liadouros schweift oder auf der anderen Seite das Tal von Erce und seinen fröhlichen Vicaire (Vicaré d'Erce) errät oder auch Bethmale und seine hübschen Mädchen mit den von ihren Galanen so elegant geschnitzten Holzschuhen, ihre berühmte Berceuse (Wiegenlied) hatte das Glück, den allerhöchsten Schlaf von Leonid Bershnew zu begleiten (15.11.1982). Hatte nicht der Voyageur (der Reisende) Fauré selbst im November 1910 die Reise nach Rußland ausgeführt und zählte er nicht unter seine hochgestellten Zuhören Königin Alexandre, Kaiser Wilhelm II und die Zarin von Russland?

         Die Rückkehr verläuft Au bord de l'eau (am Rande des Wassers), vorbei an den Quellen der Arize und den Wiesen von Toch, Paradies der Dalhaires (Mäher), die den Kristallbach, wo Schuberts schwarze Forellen die vom Saft des reifen Heus betrunkenen, langen grünen Grashüpfer schnappen, in der Nähe der Hecken aus säuerlichem Buchsbaum am Fuß der riesigen Edelkastanien einfrieden. Diese Arize, die zuvor die gewaltige prähistorische Höhle Mas d'Azil gegraben hat und deren Gebrüll man in den Jahren 1924, 25, 26 anläßlich der Vorstellungen von PolyphèmeLa fille de Roland oder Sigurd abgeleitet hat, um dem aus dem ganzen Süden zusammengeströmten Publikum zu ermöglichen, sich der Stimme voll Madame Frozier-Marrot, die die Wölbung dieser natürlichen Oper füllte, zu öffnen, eine wieder freundlich gewordene Arize zeigt sich am Fuß des Carla des strengen Pierre Bayle den "Noùste Enric" (Unser gute König Heinrich) am Morgen nach der in dem erstaunlichen Schloß von Pailhes verbrachten Nacht, Schloß, in dem noch das zarte Parfum von Margarideto zu hängen scheint, betrachtete.

         Das Gold der Ariège Gabriel Fauré wäscht es weniger in der Gegend von Hospitalet und Tarascon (Heimat von Armand Sylvestre dem Maria dels Caminets mit ihren Übersetzungen der französischen Texte der Lieder des Meisters ins Okzitanische seine Lokalfarbe zurück gegeben hat) als in Quérigut mit schwindelerregend herrlichen "Noëls" (Cantem toutis la neïssenço...)oder in der Gegend von Prades-Montaillou, Dörfen von weniger okzitanischem Charakter als es uns die Händler im Tempel der Romanistik weismachen wollen: denn Fauré bleibt auf der Linie der Ketzerei, auf der, die der Troubadour Montanhagol eingeleitet hat, da er doch das Präsidentenamt in dem Komitee, das ein Dankmal für Esclarmonde errichten will, übernimmt ("eine Frau wagt, Innozenz III. zu trotzen , ihm das Zepter der Seelen, die Schlüßel zu Himmel und Hölle streitig zu machen", in der gelungenen Formulierung von Napoleon Peyrat des Bordes sur Arize), er, der doch geglaubt hatte, in sein Requiem alles, was er nur an religiöser Illusion besaß, eingebracht zu haben und der, von dem "schrecklichen Bild Parsifals "ergriffen, meinte daß "die musikalische Mystik in ihren Äußerungen zwangsläufig begrenzt ist"...  und daß man "das nicht erneuern kann".

         Es war möglich, das zu erneuern... Zum Beweis das Außerordentliche Wagner Konzert , Huldigung an die Grafschaft Foix (15.7.1984), das innerhalb der Maurern der Festung Montségur stattgefunden hat und das es ermöglicht hat La fleur jetée von Gabriel Fauré der "gralho" (der Graal) der Katharer Gesänger hinzuzufügen. Denn die Sprache seiner Väter hat der Komponist so wenig vergessen wie die Gesänge seines Landes: jedes Jahr hat er den Treffen der "Amicale des Ariégeois de Paris" beigewohnt, auf denen man einstimmig Arièjo moun Païs von Sabas Maury, Pfarrer von Varilhes, und Aqueros Mountànhos, diese Hymne der Pyrenäen Gasto Febus zugeschrieben, aber in Wirklichkeit älter, und "deren Melodie im Dialekt zu sein scheint", gesungen hat. Er zog diese Musik Lukrezia, Manon und Werther vor, (er hat es selbst gesagt), so wie er die Ariège lieber hatte als die Schöne blaue Donau wenn wir dem Glauben schenken, was er an seine Verlobte Marianne Viardot geschrieben hat. Fauré schätzte auch Polka, Quadrille und Mazurka, die er gelegentlich, wie bei deim großen Fest von Foix (Las Festos de Fouïch) tanzte, denn ist er nicht alles in allem - Proust sieht ihn so – "dieser große Musiker ... der einzig und zutiefst die Frauen liebte"?

         Ein letztes Mal kommt er 1921 in die herzogliche Stadt, nachdem er den Sommer in Ax-les-Thermes verbracht hatte, in der Nähe des "bassin des Ladres", aus dem das vulkanische Wasser kochheiss zwischen den Steinen hervorquillt gegenüber von genau dem Hospital, das der heilige Ludwig für die Überlebenden aller Kreuzzüge (aus genommen den Albigenser!) hatte bauen lassen, und er umarmte seine Metzger-Verwandten unter der rauchigen Verglasung des Bahnhofs von Pamiers...

         Die Fauré / Lalène-Laprade ruhen in dein kleinen Friedhof von Gailhac-Toulza, der verbrannt ist von dieser Sonne, die die Erde rissig macht und auch die einfachen Grabsteine, auf denen Wetter und Unwetter die Identität auslöschen, ein Friedhof in sanfter Hanglage, der in Weinberge einmündet.

         Von der Rue des Vignes (Strasse der Weinberge) kommt Gabriel Fauré als Nachbar zum Friedhof von Passy (Paris), wo sich ihm – vertmutlich wegen irgendeiner Messe Basse (stille Messe) - sein alter Komplize von Bayreuth, André Messager, zugesellt hat und ebenfalls - vielleicht zum Zwecke eines letzten Klavierspiels "für vier Hände" zu Ehren der Ariège - der großartige Interpret Yves Nat, der am 7. Dezember 1931 im Trianon von Foix das wohlbekannte Konzert gab.

         "Nehmt mir bitte etwas von meiner Bewegung ab, damit ich ihr nicht erliege", sagte der Meister sehr einfach.

CLAUDE D’ESPLAS
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Übersetzung Dagmar Coward Kuschke - Tübingen

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