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Die Musikstunde

 
Die Musikstunde Content : Die Musikstunde
Liebte Victor Hugo die Musik ?
Franz-Peter Schubert, musiker aus Wien
Franz Peter Schubert, Zweihundertjahrfeier (1797-1997)
Robert Schumann, musiker aus Zwickau (1810-1856)
Richard Wagner, Musiker von Meudon (1813-1883) & Stéphane Mallarmé
La Canso von Gasto Febus zu Frédéric Mistral, lyrische “Koïne” oder Stimme eines Volks?
Gabriel Fauré (1845-1924) Musiker der Ariège
Gabriel Fauré, Musiker von Verlaine
Das letzte konzert des Saals Gabriel Fauré
Rachmaninov, Musiker von Ivanovka
Tony Poncet, Tenor (1918-1979)
Die Violetta des Jahrhunderts
Schwanengesang (Schubert) - To come
An die Musik (CD1, CD2)
Huldigung an Yves Nat (1890 -1956)
Tourgueniev - Gounod - Mireille
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Rachmaninov, Musiker von Ivanovka

 

           Die Karriere von Rachmaninov ist höchst merkwürdig: die eines Virtuosen, durchzublättern wie einen Engagement-Kalender. Nach einer in St. Petersburg verbrachten Jugend (geboren in Oneg, bei Novgorod) wurde er Mitglied der Schule von Moskau. Obwohl er zutiefst Russe war, so dass durch sein Leben im Exil, fern seiner Heimat - Konsequenz der Revolution von 1917, die soviel Energie im politischen, gesellschaftlichen oder auch künstlerischen Bereich freisetzte - seine schöpferischen Kräfte geschwächt wurden, liess er sich doch schliesslich in Kalifornien nieder.

Obwohl er zu einem nur bedingt religiösen und mit dem Westen liebäugelnden Landadel gehörte, konnte dieser mit Impressionen arbeitende Künstler der Miniatur die russische Kultur, so wie auf russischem Boden gewachsen, inmitten alter, manchmal zu Tode beackerter Clichés, nicht vergessen: die kolokolas (Robert Schumanns Glocke von Iwan Weliki ?) eines Christentums russischer Prägung, die endlosen Ebenen, die Steppen Georgiens und ihre üppigen Erntefelder, die wehenden Winde, die Gewitter eines zwischen Europa und Asien schwankenden Klimas und dieses ewige Grau, das zu Extremen im Wollen und im Aufgeben führt, eine Form von Fatalismus, der in Resignation mündet, vielleicht vorgeschrieben von den historischen und geographischen Umständen; ein Grau, das sich unter den richtigen Bedingungen auflöst in eine stark differenzierte, farbige Gruppe von freundlichen, fähigen, grosszügigen Individuen, die emotioneller Einengung ganz abgeneigt sind.

Und das könnte auch erklären, warum eine Anzahl derer, die ins Ausland gegangen sind und dies rechtfertigen wollen, sich im Rückblick nicht vorstellen, dass sie in einer Art Bewusstsein von Feindlichkeit seitens der Dinge, die ihnen selbstverständlich waren, gelebt hätten, eben weil neben der Bitterkeit auch die Erinnerung an die unauslöschliche Freude an den gewöhnlichen Dingen des Lebens besteht, eine Art leidenschaftliches Annehmen slawischer Melancholie, so wie von den besten Vertretern der russischen lyrischen Dichtung (Puschkin, Tolstoi, Lermontov etc...) festgehalten , z. B. in der Auswahl von Marietta Shaginian (Beiname: “Ré”) “Vor einigen Tagen habe ich meine neuen Lieder beendet. 

Die Hälfte ist nach Gedichten aus Ihrem Schreibheft geschrieben...Im grossen und ganzen bin ich mit diesen Liedern zufrieden, und ich bin sehr froh, dass ich sie ohne allzu grosses Leiden schreiben konnte.” (Brief an “Ré”, 8. Mai 1912, von der er die Gedichte erhalten hatte, die er wollte, d.h. “eher trübe als fröhlich, strahlende Tönung ist nicht mein Geschmack.”)

Russian lacquered  box, traditionaly painted by Dimitri Titov, Palek (the legender icon village, 350 kms from Moscow), homage of Monsegur Vaillant, interpreter of Rachmaninov at Ivanoka , to the Dissonance ‘s composer, Sergei Rachmaninov

          Gedichte und Lieder, die eine zutiefst emotionale romantische Tradition ausdrücken, hervorgegangen aus einer niedrigeren gesellschaftlichen Schicht (Schaljapin war Schuhmacherlehrling gewesen) und geprägt von Offenheit, Zärtlichkeit, Liebe zu Kindern und einer Folklore, die oft Kern der russischen Volkslieder sind und die man noch in den Briefen von Rachmaninov aus Ivanovka findet, Besitz der Satins in der Provinz Tambov, 500km südlich von Moskau, wo der Komponist wie in einem Steinbruch von Gefühlen das Wesentliche seines künstlerischen Materials abbaute, d.h. diese lyrischen Romanzen, Quintessenz slawischer Kultur und Dichtung, so wie sie wunderbar wiedergegeben wurden von seinen bevorzugten Interpreten: Fedor Schaljapin, Felia Litvinne oder Nina Koshets (“das Echo seiner Seele”). 

Vor dem Wegweiser (Schuberts?) am Kreuzweg von zwei Welten entschied sich Sergej Rachmaninov nicht (“man wird verstehen, wenn ich schliesslich das Komponieren aufgebe, um Pianist zu werden, Dirigent oder Landedelmann - vielleicht sogar Automobilrennfahrer”), weil für jeden richtigen Russen die Wahl immer dieselbe ist: entweder leiden mit dem nach Sibirien verbannten widerspenstigen Erzpriester Avvacum (das war im 17. Jh.) oder Erfolg haben mit dem Gouverneur Paschkov, Abenteurer und Bahnbrecher, der Avvacum endlose Jahre verfolgte. 

Rachmaninov ergriff nicht Partei und folgte darin vielleicht dem Schlusswort in Avvacums Sibirischem Tagebuch :”Gott wird am Tag des Gerichts entscheiden” (Gott oder der “Zar der Himmel”, wie ihn Tyutchev nennt?). Aber Rachmaninovs Musik hat ihm eine Ruhmeshalle im Moskauer Konservatorium eingebracht und auch eine Nische für seine besten Interpreten. Tausend Dank also dem Komponisten von Ivanovka und viele “spassibas” für die Zarin von Tschaikovsky.

CLAUDE D'ESPLAS - Die Musikstunde

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Übersetzung : Dagmar Coward Kuschke (Tübingen)

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