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Die Musikstunde

 
Die Musikstunde Content : Die Musikstunde
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Robert Schumann, musiker aus Zwickau (1810-1856)

 

Taugenichts”, das denkt Pr Wieck (alias Dr Raro) von Robert Schumann, seinem ehemaligen Schüler, der es sich in den Kopf gesetzt hat, die junge Clara zu heiraten, Tochter des genannten Professors und Wunderkind am Klavier, dem Friedrich Wieck das Wesentliche — ihm zufolge — der Klavierkunst eingetrichtert hat, nämlich mechanische Beherrschung unter Ausschluß jeglicher Phantasie, selbst wenn nicht alle Schwierigkeiten allein mit Fingerfertigkeit gemeistert werden können, wie es die junge Virtuosin bald erkennen wird: “Je weniger ich jetzt öffentlich spiele, je mehr wird mir das ganze mechanische Virtuosenthum verhaßt” (Ehetagebuch von Robert und Clara Schumann, 15-08-1841).

 

         “Taugenichts”, gemäß eben diesem Pr Wieck, dieser aus einer Provinzbuchhandlung in Zwickau (Sachsen) Entwichene, großgezogen mit Dichtern und Karfoffeln; Biertrinker, Zigarrenraucher, mit sehr langem Haar und hinter den Roten Hannen her (Die rote Hanne , op. 31, n° 3) und der sich im Schreiben versucht unter dem Pseudonym “Robert von der Mulde”, der zwischen dem Studium der Rechte und dem der Musik zögert und schwankt zwischen Klaviatur-Virtuosität und Kompositionsgrauen. Bis Ende 1840 wird er, unter dem Einfluß von Schubert, Mendelssohn und besonders von Clara Wieck, 140 Lieder komponiert haben, darunter das opus 39 mit Gedichten von Eichendorff und das opus 48, mit Gedichten von Heine; er fügt hinzu; “Ich möchte mich tot singen wie eine Nachtigall”, so zugebend, in der Sprache der Roller, daß er deutsche Nachtigallen den italienischen Kanarienvögeln vorzieht (“Ach Clara, was das für eine Seligkeit ist, für Gesang zu schreiben; die hatte ich lange entbehrt”, 22-02-1840).

 

         Ein “Taugenichts” so gefühlvoll wie Sterne, der aus der Einbildungskraft lebt, sich in Tränen gefällt (Ich hab' im Traum geweinet, op. 48, n° 13), so melancholisch wie Shakespeares Jaques (Wehmut, op. 39, n° 9), so bereitwillig verliebt wie der Schotte Rabby Burns (Die Rose, die Lilie, die Taube, op. 48, n° 3), so verstrickt in seinem sächsischen Dialekt wie Gurth, der Schweinehirt, im Anhören der Rätsel des Poßenreißers Wamba im Ivanhoe von Walter Scott (einer der Lieblingsautoren der jungen Clara) ; ein “Taugenichts”, der das Bild Napoleons an den Wänden seines Zimmers anbringt und Fragmente aus der Marseillaise in seinen Faschingsschwank aus Wien, 1839, op. 26, oder in Die beiden Grenadiere einfügt, der zu Fuß Tirol, die Schweiz, Italien (von Mailand, wo er die Pasta singen hören wird, bis nach Venedig) durchstreift, der gotische Ruinen, die Kathedralen und den Rhein in seiner Majestät bewundert (Im Rhein, im heiligen Strome, op. 48, n° 6), der nur daran denkt, an die Universität Heidelberg und ihre “Tonne” (Die alten bösen Lieder, op. 48, n° 16) zu kommen, ungeduldig erwartet von seinem Freund Gisbert Rosen, Rechtsstudent, an den Schumann am 5. Juni 1828 schreibt; “ Leipzig ist ein infames Nest, wo man seines Lebens nicht froh werden kann ... Du sitzest vielleicht jetzt auf den Ruinen des alten Bergschloßes und lächelst vergnügt u. heiter die Blüthen des Junys (Frühlingsnacht, op. 39, n° 12) an, während ich auf den Ruinen meiner eingesunkenen Luftschlößer u. meiner Träume stehe u. weinend in der düstern Himmel der Gegenwart u. der Zukunft blicke” (Zwielicht, op. 39, n° 10).

 

         Noch einmal “Taugenichts”, dieser große junge Mann, der Geschmack hat an den Dichtern der Romantik, den Müller, Arnim, Jean-Paul Richter, Uhland, Schiller, den Gebrüder Grimm, Mörike, wenn nicht Goethe, weil sie ihm in ihren Erzählungen, so Brentano und sein Des Knaben Wunderhorn, und in ihren halb-volkstümlichen Liedern den besten Teil seiner wiedergefundenen Kindheit zurückgeben und diesen Musikgeist, den allein Clara wird zähmen können (Und wüßten's die Blumen, die kleinen, op. 48, n° 8), eine Clara, die im Augenblick Kirschen liebt — sie wird später die Erdbeeren (Klubniku) von Moskau schätzen—, Scharaden und Geschichten von Doppelgängern, blaue Kleider und schwarze aus Samt wie im Konzert, die sächsische Schweiz und ihre Schluchten, das Land um Connewitz, Webers Walzer, Paris, die Ouverture zu Don Juan von Mozart (”Der liebe Mozart ! er muß es recht gut mit der Welt gemeint haben, er thut dem Herzen so wohl, und nie hörte ich von ihm, daß ich nicht heiteren Gemüthes geworden wäre, und so geht es gewiss Allen, die ihn verstehen“, 24-11-1842); aber die vor allem ihr Klavier liebt (Graf, Wien) und diesen “Schelm” Robert mit den blauen Augen und die sogar so weit geht zu befürchten, ihm mit ihren Küßen wehzutun (“Ich bin höchst glücklich, und werde es immer mehr — ist es mein Robert so wie ich, so will ich nichts weiter wünschen — ich könnte ihm manchmal vor Liebe Leides thün mit meinen Küßen”, 16-12-1840).

Clara (WIECK) SCHUMANN
Clara (Wieck) Schumann

         Clara kann folglich nicht anders als Robert Schumanns Lieder wahnsinnig hoch einschätzen, Lieder, die sie — zusätzlicher Liebesbeweis — sich selbst begleitend sogar zu singen versuchen wird, um ihnen ihren wahren Sinn zu geben (“ich spielte, und sang viel von Roberts Liedern mit ganz besonders animirter Stimmung”, September-Oktober 1840), wobei sie absichtlich die Wilhelmine Schröder-Devrient, Elise List, Sophie Schloss, Henriette Sontag-Rossi (dieser “musikalische Antichrist” R.Schumann zufolge und die Hector Berlioz mit der Lerche vor den Toren des Paradieses vergleicht) und andere Lieblinge der Epoche ignoriert, so Pauline Garcia, deren Gretchen am Spinnrade, eines Tages vorgetragen, begleitet von anderen —“was sie mehr nach Effect haschend vortrug, als mit dieser inneren Gluth, wie diese Worte, sowie Schuberts Musik so herrlich es aussprechen” (September 1840) — nur sehr mässig schätzte.

 

         “Taugenichts”, wenn man so will, aber ein “Taugenichts”, der dem Helden von Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788-1857) ähnelt, ein Held, in dem Robert Schumann sein Doppel fand, der Frohe Wandersmann:

“Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt ; ”

auf der Suche nach der Volksseele, die sich immer noch im Herzen des Volkslieds regt — Gesang des Volks, ”Bindeglied zwischen den alten und den neuen Zeiten... Wächter im Tempel der nationalen Erinnerungen“ mit den Worten von Mickiewicz (Hör' ich das Liedchen klingen, op. 48, n° 10) — dessen wichtigste Funktion das Erwecken von Mitgefühl zu sein scheint, bevor es zum Nachdenken über die wirkliche Natur der Gesellschaft und der Gerechtigkeit anregt, wobei es der Einbildungskraft Zuflucht gewährt vor einer als unvollkommen gehaltenen Welt, die bar jeder Dichtung ist und dem Materialismus der aufsteigenden Bourgeoisie als Weide vorgeworfen wird, unwürdig der wunderbaren Ferne (In der Fremde, op. 39, n° 1) der “Lusatia” (wie Robert Schumann in seinem Brief an Rosen vom Juni 1828 sagt), das Land der Wenden, der slawischen Bevölkerung, die lange Zeit Männerchöre beibehielt oder Chöre junger Mädchen, die den Rundtanz zu den harmonischen Klängen der husla oder der tarakawa tanzten, während die Großmütter in ihrem rauhen Dialekt (man sprach lange die slawische Sprache in den Straßen Leipzigs) Geschichten von Feen oder Zauberern sponnen, Geschichten, die — mit Roberts Hilfe — bis an die zarten Ohren der jungen Clara gelangten.

 

         “Taugenichts” wie diese Männer auf dem Land um Lubowicz-Ratibor (Oberschlesien), deren Seele in dauernder Harmonie ist mit der Klarheit des einbrechenden Abends und der des aufsteigenden Mondes über Feldern, die sich im leichten Wind wiegen (Mondnacht, op. 39, n° 5), oder mit den rauschenden Wäldern, wo sich das Doppel der Lorelei (Waldesgespräch, op. 39, n° 3) tummelt, in Harmonie mit der ewigen Morgenröte (die alba der Troubadoure?), der sich Die Lerche schwindelerregend entgegenwirft, weit über der Oder, die Eichendorff schwimmend durchquerte; die Lerche an der Stelle der nächtlichen Nachtigall, die Julia (Intermezzo, op. 39, n° 2) den ekstatischen Gesang einer Jugend zuflüstert, die, mit zunehmendem Alter, wieder in Schweigen verfallen wird, dabei auf immer dieses zeitlich-weltliche Entzücken, das die Natur manchmal über diejenigen wirft, die unter ihren Zauber gefallen sind, vergessend (Die Stille, op. 39, n° 4).

 

         “Taugenichts-Eichendorff”, preußischer Beamter von 1816-1844, verjagt aus dem angestammten Schloß Lubowicz (25 Fenster, die auf den Park hinausgingen) als Folge von Schicksalsschlägen, die seine Familie trafen, wird darauf angewiesen sein, Gelder einzubringen, um die Abschlußarbeiten am Kölner Dom zu gutem Ende zu führen oder die Restaurierung der Marienburg bei Danzig, ehemaliger Sitz des Großmeisters des Deutschen Ritterordens, d.h. Symbol preußischer Einheit und deutscher Kultur; ein “Taugenichts-Eichendorff ”, der so dem oberflächlich Malerischen entkommt und damit diesen Färbungen von Mitleid (waren die Wenden nicht Weber?), die man sich selbst aufträgt und die man so oft in den “Volksliedern” findet, aber nicht in den “volkstümlichen Liedern” (deren halb-gelehrter Ursprung bekannt ist); und dies zur Zeit des barocken Schlesiens und seiner Burgen, die rosten wie die Rüstung der versteinerten Ritters in Auf einer Burg (op. 39, n° 7), wobei er vermeidet, in die Fußangeln der Singvogel Natur und ihrer endlosen Roller nach italienischer Art zu fallen, bevor er ganz aufgeht in einer Romantik neuer Prägung, die aus einer Folge von Eindrücken besteht, die Orte oder Ereignisse auf einen Geist gemacht haben, der noch in Harmonie mit ihnen verbunden ist.

 

         “Taugenichts” also, dieser Robert Schumann — Don Quichotte der Seele — der in einem neuen, volltönenden Metall und in einem einzigartigen musikalischen Stil Barock und Romantik (diese letztere Bewegung von Goethe als etwas Revolutionäres und Ungesundes angesehen) verschmilzt, auf der Suche nach einem Eldorado, das dem Lied des Volks ähneln würde, diesem Etwas, das sich auf unbeschreibliche Weise bewegt, das sich plötzlich ohne sichtbaren Übergang, in sein genaues Gegenteil verwandelt (Im Walde, op. 39, n° 11), Etwas, an das sich der Kenner Heine ebenfalls halten wird bei seinem Versuch, die verlorene organische Beziehung zwischen Kunst und Leben wiederzufinden oder bei seinen Bemühungen, die Wahrheit des Menschen hinter den Masken von Carnaval oder Intermezzo aufzustöbern.

 

         Gewisse Leute werden Heinrich Heine, römischer Apollo für Theophile Gautier, griechischer Christus für andere, eine von Hasselrijs signierte Statue errichten; andere werden sein Bild von Stein, so wie es Elisabeth von Österreich (Sissi) auf Korfu gewünscht hatte, drangsalieren; ein Bild das — von Hamburg bis Toulon, mit Hilfe des Direktors der Folies Bergères (Paris), viele Wechselfälle erleben wird. Die Mutter von Heinrich Heine sprach Hebräisch, Lateinisch, Griechisch, während er selbst die Rudimente der französischen Sprache bei Rataplan-Legrand lernte, Trommler der Grande Armée (den eine Logis-Verfügung zur Zeit der französischen Besetzung in die Familie Heine in Düsseldorf geworfen hatte), der das Wort “Freiheit” erklärte, indem er die Marseillaise trommelte, das Wort “Gleichheit”, indem er das Ça ira schlug und der dem jungen Heinrich den Kult des “Kaisers” (Napoleon) — so wird ihn Robert Schumann in seinen Moskauer Gedichten bezeichnen — eintrichtern wird, dessen Lippen nur zu pfeifen hatten und Preußen existierte nicht mehr. Sie hatten nur zu pfeifen, diese Lippen, und der Vatikan brach zusammen (Heine dixit); in Abwesenheit der französischen Höflichkeit (oh Freud !), der Sprache von La Fontaine, der Boutiquen des Quai Voltaire, der Eleganz der Pariserinnen (kleine Näherinnen — unter ihnen die Grisette Mathilde — und berühmte Löwinnen der Gesellschaft), der guten Manieren der Salons, Synonyme gesellschaftlicher Gleichheit (diese Gleichheit, die Robert und Clara Schumann erst auf dem Schiff, das sie von ihrer russischen Tour zurückbrachte, erkennen sollten), ohne die zu der Zeit modischen Autoren zu nennen: die Dumas, Balzac, Gérard de Nerval, Sainte-Beuve, George Sand, Béranger oder die Philosophen Hegel und Marx, die, immer noch im Namen der Gleichheit, seinen Saint-Simonismus bestärkten, wie es auch die französischen Maler taten, die ihm den Weg zur Freiheit zeigten, zum Beispiel Delacroix im Salon von 1831, dessen Unterschrift allein schon gegen die Barrikade, so scheint es, vorstürmte.

Robert Schumann
Robert Schumann

         Trotz dieser physischen und intellektuellen Leidenschaft, die Heinrich Heine immer für Frankreich haben wird, wird er Deutschland, seine “ferne Liebe”, nicht vergessen, da er doch als Epitaph für sein Grab im Friedohf von Montmartre, wohin ihn Mathilde begleiten wird (Crescence Eugénie Mirat — 1815-1883 — die er 1841 geheiratet hatte): “Hier ruht ein deutscher Dichter.” wählen wird. Schon 1856 unterstrich übrigens die englische Romanschriftstellerin George Eliot, was dafür sprach: ”Er und seine Vorfahren haben in ihrer Jugend deutsche Luft geatmet; sie sind mit Wurst und Sauerkraut ernährt worden, so daß Heine so deutsch ist, wie ein Fasan ein englischer Vogel ist oder eine Kartoffel irisches Gemüse”. Indessen zeigte Heine eine recht unvollkommene Sympathie für die Engländer und ihre Frosch-Sprache, denn für ihn bleibt England Frankensteins Insel (ein Paradox, wenn man bedenkt, daß Mary Shelley und ihr junger Student ihr Monster in Deutschland schufen), die Insel Wellingtons, “Held aus Leder mit einem Herz aus Holz und einem Gehirn aus Papiermaché”, oder die von Dr Johnson, dem “wandelnden Bierkrug.”

 

         Nur Shakespeare wird vor seinen Augen Gnade finden, vielleicht weil Romeo-Heine Julia-Josepha in Hamburg kannte, bevor er sich in Amelia und Therese verliebte, Töchter seines reichen Onkels Salomon, der ihn enterben wird, um seinen Neffen umso mehr den Frustrationen eines armen Jugendlichen zu überlassen, der unfähig ist, den bürgerlichen Kriterien, die Liebe und Ehe regieren, ins Auge zu sehen und die Heine in dem Buch der Lieder zum Ausdruck bringen wird, einem Buch, in dem sich viele Deutsche — unter ihnen Robert Schumann — wiedererkennen werden. Heinrich Heine wird von den Ufern Nordeneys das Epos Nord-See mitbringen, während Robert und Clara Schumann, an den Stränden der Ostsee entlang, von Konzert zu Konzert, Petersburg und Moskau (über Rigas Vagnera Sale, wo sich Anton Rubinstein, Hector Berlioz und Franz Liszt auszeichneten) zusammenführten; Moskau “Rußlands Wunderstadt” und ihre napoleonischen Erinnerungen und die Riesenglocke von Iwan Weliki im Kremlin, bevor sie bei der Rückkehr in ihr “geliebtes Deutschland” (22. Mai 1844) das wohltemperierte Gelaüt der St. Thomas Kirche zu Leipzig wiederantrafen oder die Glocken der Marienkirche (völlig restauriert 1839-1842) in ihrem ”lieben Zwickau“ und bei derselben Gelegenheit diese “heilige Melancholie”, die sie an den Ufern der Moskwa nicht hatten vergessen können und die der Komponist bereits, und auf immer, in die Leinwand seiner durchscheinendsten Gefühlsregungen eingeschloßen hatte.

 

         Das Volk lieben, ja, aber es niemals umarmen, wird Heine raten, denn die Einbildungskraft des Dichters, gleich der Lerche Eichendorffs, lacht sich eins über politisch-ideologische Debakel, über Kirchturmpolitik oder religiose Frömmelei, so wie sie veranschaulicht wird von Bruder José oder Rabbi Juda von Navarro; verspottet die Kirchen-Kaste als diejenige der Krieger, wie in Almansor (oh Céline !), die die intertextuellen Spässe nicht kennt, denn die Einbildungskraft fliegt, über dem vorherbestimmten Chaos, zur Einheit des Geistes im Ebenbild der Frühlingssymphonie (von R. Schumann); Einheit, die schon von den ländlichen Freuden (Das ist ein Flöten und Geigen, op. 48, n° 9) der Bauern in Mozarts Don Juan oder denen der Erntefeste in “Lusatia” angekündigt wurde, nachdem der Missklang der verbalen Pirouetten von Shakespeares “Clownen” oder die gastronomischen Rezepte von jenem Pastor: “Die Bauern wie den Stockfisch muß man knüppeln, um sie mürbe zu machen...” vergessen waren.

ZWICKAU vom MULDENUFER
Zwickau vom Muldenufer

         Missklang, den sich Robert Schumann im voraus aneignete; “Zürne nicht, daß es Tränen im Leben gibt, züernst du denn den Dissonanzen und den Molltönen in der Musik und liebst du sie nicht? Hier und dort haben sie ihren himmlischen Reiz”, wie Gustav sagt, Schumanns Sprachrohr in einem Romanprojekt aus den Jahren um 1825, der dadurch mehr oder weniger bewußt zum Echo des immer noch ewigen Don Juan von Mozart wird, der “in dem großen Finale des ersten Akts, wenn die drei Orchester nacheinander einsetzen und jedes ein Stück spielt, das sich in Tonart und Takt unterscheidet und die sich symphonisch verschmelzen, will Mozart, daß das zweite und dritte Orchester ihren jeweiligen Teil beginnen, indem sie Musiker nachahmen, die ihre Instrumente stimmen, accordano. Dieser Effekt wird immer vernachlässigt oder geht verloren”, wie Louis Viardot in seinem Artikel: “Handschriftliches Manuskript des Don Giovanni von Mozart, Januar 1856” betonen wird.

 

         “Taugenichts-Schumann”, der wie Eichendorffs “Fröhlicher Wanderer” oder der beherzte Müller in Schuberts Die schöne Müllerin auf diese Weise den Hellenen und den Nazarener, Eusebius und Florestan, die entfernte Geliebte und Chiara-Cherubino vereint, wird bis nach Moskau gehen, wenn nicht nach Endenich, später bis nach Wolgograd, wo man immer seine Träumerei hört, selbst “zur Stunde, in der die Reiche zerbrechen” (Jer. li. 20) ohne Riga zu vergessen, über Sebezh an der rußisch-livonischen Grenze (oh Jules Verne!), wo plötzlich im Korridor eines Zugs, der in Frühlingsmorgendämmerung (Im wunderschönen Monat Mai, op. 48, n° 1) angehalten hat, eine ferne Widmung herausbricht, eine Art Weihgeschenk für alle diese , “Taugenichtse”, die ausgezogen sind, um eine Welt zu erobern, die ihnen unaufhörlich entgleitet (Allnächtlicht im Traume, op. 48, n° 14) und die sie — ohne es zu wissen und mit den angemessenen musikalischen Schlüsseln versehen —schon erreicht haben unter Einsatz ihres “volltönenden” Verstandes, Universum der Lichtjahre (oh “Lichtpunkt”, so nannte Schumanns Frau Mutter ihren Sohn Robert), dieser sogenannten Ordnung einer Welt, die, so heißt es, unaufhörlich Fortschritte mache in Richtung auf das triumphalste aller Glücksgefühle (Aus alten Märchen winkt es, op. 48, n° 15).

 

         Die Nachwelt wird uns als ein Herz, eine Seele betrachten, schrieb Robert Schumann an Clara Wieck in einem Brief aus dem Jahre 1838 (unabhängig von allen Ich grolle nicht, op. 48, n° 7, in dieser Welt hier), vielleicht in der Art eines absoluten Dialogs, wenn nicht unauflösbarer Identität, die den unvergleichlichen Wert dieser zeitlosen Lieder ausmachen, vokalische Edelsteine, eingesetzt in ihren pianistischen Schrein. Wäre dies nicht die allerbeste “Widmung” für das Konzert des 26. Februar 1992 im Robert-Schumann-Haus von Zwickau? Wohlan denn, wie man dort unten sagt: “Glück auf ! ”.

CLAUDE D'ESPLAS - Die Musiklektion
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Übersetzung Dagmar Coward Kuschke - Tübingen

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